Der Herzlfresser
 

Das Schlossberggefängnis zur Zeit, als der Herzlfresser dort büßte.Am 12. August 1786 erregte die Einlieferung eines Häftlings in das Grazer Schlossberggefängnis großes Aufsehen. Viel Volk umdrängte mit wilden Rufen den schwerbewachten Gefangenen, einen stark gebauten, im mittleren Alter stehenden Mann mit groben Gesichtszügen. Es handelte sich hier aber nicht um einen Prominenten, einen der politischen Verbrecher, wie sie so oft den Schlossberg hinaufmarschieren mussten, um entweder erst nach langen Jahren oder nicht mehr lebend wieder herabzukommen, nein, hier führte man einen Kriminellen, dessen Prozess die Steirer vor Entsetzen und Staunen hatte erstarren lassen.
Es war an einem Februarmorgen des gleichen Tages gewesen, als ein Bauer vom Kirchgang im obersteirischen Kindberg heimkehrte. Plötzlich sah er in der Nähe der Straße in und über einem Gestrüpp Krähen in Menge versammelt. Was dort wohl sein könne, dachte sich der Bauer. Nichts Gutes ahnend, ging er hin und stand entsetzt vor der verstümmelten, entblößten Leiche einer Frauensperson. Der Kopf fehlte, außerdem eine Hand und ein Fuß, und der Leib war geöffnet. Eine Kommission des Gerichtes von Wieden bei Bruck fand in der Nähe die abgetrennten Körperteile und stellte fest, dass es sich um ein wenige Wochen vorher verschwundenes Dienstmädchen handelte und dass ihr Herz fehle. Mit den damaligen kriminalistischen Methoden kam man bekanntlich nicht weit und so vergingen wieder Wochen ohne eine Aufklärung des Falles. Man verließ sich halt auf den Zufall und hatte diesmal Glück.
Auf dem Wiedener Gericht erschienen nämlich zwei Bauern und erklärten, sie hätten so was läuten gehört, dass nur der Bauernknecht Paul Reininger aus der Gegend von Kindberg der Täter sein könne. Warum? Erstens sei er ein lockerer Bursche, zweitens hatte er am Mordtag in Kindberg stark getrunken und Geld verspielt und dann wäre er in die Richtung der Mordstelle gegangen. (Heute hätte unsere Kriminalpolizei diese Umstände in ein paar Stunden herausbekommen!) Als man Reiningers Unterkunft untersuchte, war alles klar. Die blutbefleckten Kleider der Ermordeten lagen (unbegreiflicherweise) in seiner Truhe. Aus. Reininger war viel zu primitiv, um noch zu leugnen.
Leichter konnte man´s der Polizei nicht machen. Der Untersuchungsrichter sperrte aber immer entsetzter seine Augen auf bei dem, was im Verhör zutage kam. Nicht weniger als sechs weibliche Personen hatte Reininger in den letzten sieben Jahren in der gleichen Gegend umgebracht. (Wieso die Fahndung nicht längst auf Hochtouren lief, ist uns heute unfasslich.) Das erste Opfer war ein Mädchen. Nach einem Schäferstündchen im Walde wurde es in den Hals gestochen. Tot. Nummer zwei war eine alte Frau, die der Mörder in Geldnot erdrosselte. Beute ein Gulden. Nummer drei war ein siebenjähriges Hirtenmädchen, das er auf der Weide erstach und dessen Herz er zur Hälfte verzehrte. Nummer vier war eine fünfzigjährige Magd, der er im Wald den Kopf abschnitt und bei der er 57 Kreuzer erbeutete. Nummer fünf war ein siebzehnjähriges Mädchen, das seine Liebesanträge abgelehnt hatte. Er lauerte ihr im Walde auf! Stich in den Hals. Tot. Das sechste und letzte Verbrechen war das grauenhafteste. Er zerfleischte das eingangs erwähnte Dienstmädchen und fraß dann das halbe Herz auf. Auf die Frage, warum er bei zwei Opfern die Herzen verzehrt habe, gab er die auch für das Jahr 1786 erstaunliche Antwort: Weil er gehört habe, ein Mensch, der drei menschliche Herzen esse, habe Glück beim Karten- und Kegelspiel und könne sich außerdem unsichtbar machen, ein alter Wunschtraum der Menschheit. Reininger, der übrigens seine Taten bereute, behauptete, es hätte ihm beim Genuss der Herzen gegraust, aber wenn man Herr werden könnte über die Welt…
Mit Psychiatrierung gab man sich damals nicht ab. Reininger wurde vom Gericht Wieden zuerst zu allen möglichen Dingen, wie Zwicken mit glühenden Zangen, Rädern und aufs Rad Flechten, verurteilt. Dieser Spruch wurde aber abgeändert und der inzwischen weithin bekannt gewordene "Herzlfresser", wie ihn das Volk nannte, sollte in drei Tagen dreihundert Stockstreiche erhalten und "ewig" in einer Schlossbergzelle angeschmiedet werden. Weiters als Verschärfung der Haft fünfzig Stockstreiche vierteljährlich. Die Ewigkeit dauerte aber nur genau zwei Jahre und drei Monate. Dann starb er.
Beim Studium dieses Prozesses weht uns tiefstes Mittelalter an. Nicht nur der Aberglaube war damals noch erschreckend, nicht nur die Strafe, auch die Gleichgültigkeit der Behörden bei der Aufklärung von Kriminalfällen. Denn wenn in einem so leicht überschaubaren, kleinen ländlichen Kreis sechs Personen ermordet werden, müsste man doch ein bisschen nachforschen und nicht warten, bis einem vom Zufall der Täter "serviert" wird.
E. Vajda

Aus: Kleine Zeitung vom 30.11.1963